Transforming Instrumental Gestures

Neue Klangkörper für eine veränderte Gesellschaft

Das Projekt erforscht kollektives Musizieren als transformative gesellschaftliche Praxis. Der Fokus liegt auf den interaktiven Kommunikationsbeziehungen, die (1) sowohl zwischen den Musikern:innen und ihren Instrumenten als auch (2) innerhalb der einzelnen Akteur:innen des Ensembles und darüber hinaus (3) zwischen den Ausführenden und dem Publikum wirksam werden.

Traditionelle Klangkörper werden dabei als Modelle gesellschaftlicher Strukturen verstanden und neue Instrumente als alternative Kontaktflächen entwickelt, um damit folgenden Fragestellungen nachzugehen: Wie verändern sich der Gestus der Musik sowie die Körperlogik des Musizierens, wie verändern sich soziale und kommunikative Gefüge, wenn ein neu konzipiertes Instrument neue Räume des Miteinanders und neue Möglichkeiten der gestischen Handhabung – und damit verbunden auch der klanglichen Verfahren – exemplifiziert?

Das Hauptaugenmerk liegt somit auf der Analyse und der Erweiterung bestehender instrumentaler Spiel- und Körpertechniken und geht dabei über den Ansatz „neuer“ Techniken auf „traditionellen“ Instrumenten hinaus:

Durch die Kreation von Instrumenten – neuer Artefakte und Apparate – kann neu erworbenes Bewegungsrepertoire klanglich innovativ eingesetzt werden. Auf diese Weise werden Entwicklungen aufgegriffen und weitergedacht, die seit Beginn der Digitalisierung zunehmend verloren zu gehen scheinen.

Die neu entstandenen Klangkörper können durch den Einsatz von Mikrofonierungsstrategien die lineare und direkte Verbindung von Bewegung und Klang unmittelbar sicht- und hörbar machen. Sie haben einen installativen Charakter und können Musizieren als kollektive Erfahrung nicht mehr nur für die praktizierenden Musiker:innen, sondern auch in Richtung der Zuhörer:innen manifestieren. Insofern haben sie mit Blick auf Instrumental-, Klang- und Bewegungsmaterial zudem das Potential, auf eine zukünftige Komponier- und Aufführungspraxis nicht nur anregend, sondern grundlegend richtungsweisend wirken zu können.

Team

©Violetta Wakolbinger

EVA REITER – Projektleitung

Eva Reiter, geboren in Wien, studierte Blockflöte und Viola da Gamba an der Universität für Musik in Wien und setzte beide Studien am Sweelinck-Konservatorium in Amsterdam fort. 2006 schloss sie beide Masterstudien mit Schwerpunkt im Bereich der zeitgenössischen Komposition „cum laude“ ab. Eva Reiter arbeitet als Musikerin, Komponistin, Dozentin, künstlerische Beraterin und schreischaffende Kuratorin. Sie unterrichtet an Kursen für Alte Musik und für Komposition (ARCO – Art Research and Creation, Marseille; Voix Nouvelles Academy, Royaumont, Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik u. a.).
Sie unterrichtet Komposition und Experimentelle Improvisationspraxis an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Eva Reiter tritt als Solistin und mit verschiedenen Orchestern, Ensembles für Alte und zeitgenössische Musik (u. a. Ictus, Klangforum Wien) auf. Ihre Tätigkeit als Komponistin wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie brachte ihre Kompositionen bei internationalen Festivals wie Transit, Ars Musica, ISCM World New Music Festival, generator, Wien Modern, Klangspuren, Aspekte Salzburg, Sommer in Stuttgart, MaerzMusik, musikprotokoll im steirischen herbst, Darmstädter Ferienkurse, Donaueschinger Musiktage, Festival Archipel, Huddersfield Contemporary Music Festival, Musica Strasbourg, Kunstenfestivaldasarts Brüssel, Wiener Festwochen u. a. zur Aufführung. In der Saison 2019/20 war Eva Reiter Residenzkünstlerin an der Elbphiharmonie Hamburg und zugleich am Wiener Konzerthaus. WEBPAGE (Image:©Violetta Wakolbinger)

MICHIEL VANDERVELDE

studierte Tanz und Choreografie an der P.A.R.T.S., Brüssel. Er arbeitet als Choreograf, Kurator, Autor und Herausgeber. 2017 bis 2019 Mitglied des Künstlerteams der Kunsthal Extra City (zusammen mit Antonia Alampi und iLiana Fokianaki, Antwerpen) und Bâtard (Festival for emerging artists and thinkers, Brüssel), des Redaktionsteams von Etcetera (Zeitschrift für darstellende Künste) und am Disagree.magazine beteiligt. 2017-21 Artist-in-Residence am Kaaitheater (Brüssel). Neben seiner Tätigkeit als Choreograph arbeitet Vandevelde seit der Spielzeit 2020/21 als Kurator am Theaterhaus deSingel in Antwerpen. In seinem Werk untersucht er Elemente, die die öffentliche Sphäre erschaffen, stabilisieren und/oder gefährden. Im Spannungsverhältnis zwischen Politik, Kunst und Aktivismus widmet er sich den subversiven Methoden der Destabilsierung und Überwindung hegemonialer Logiken. So lässt er in seiner international tourenden Produktion „Paradise Now (1968–2018)“ ikonische Bilder auf der Bühne entstehen, die sich in den letzten fünfzig Jahren in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben.

LAURA STROBL – Projektkoordination (Dezember – August 2022)

Laura Strobl ist international als Geigerin, Komponistin und Wissenschaftlerin tätig. Sie studierte Viola an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) sowie an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK). Seit 2020 vervollständigt sie ihre Ausbildung im Masterstudium Neue Musik an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden und der Hochschule der Künste Bern. Wichtige Impulse liefern dabei u. a. Patrick Jüdt, Jim Black und Manos Tsangaris. Ihren Horizont erweiterte sie während ihres Bachelorstudiums beim Besuch zusätzlicher Kurse an der Universität Wien (Politikwissenschaft und Musikwissenschaft) und der TU Wien (Technische Mathematik). Erste Erfahrungen im Bereich Wissenschaft und Lehre konnte sie als studentische Assistentin von Susana Zapke am Institut (nunmehr Zentrum) für Wissenschaft und Forschung der MUK sammeln. Als freischaffende Musikerin kooperiert sie u. a. mit namhaften Künstler:innen wie Isabelle Duthoit, Frank Gratkowski, Wolfgang Reisinger, François Houle, Cristina Pastore, Els Vandeweyer, Günter Baby Sommer. Und Ensembles wie dem Collegium Novum Zürich oder dem Sonic Fiction Orchestra. Große Beachtung erhielt ihr Musiktheater „Umlaufende Absichten“ beim Festival Tonlagen 2021 in Hellerau, wobei sie nicht nur Komposition und Interpretation, sondern auch Bühnenbild, Kostüme und Regie verantwortete. 
(Image: ©Barbara Jannich)

THERESA DLOUHY – Projektkoordination (Januar – November 2023)

Theresa Dlouhy ist eine österreichische Sopranistin. Sie erhielt ihre Ausbildung an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Musikalische Partner wie das Ensemble die reihe, Phace, Ictus, Bach Consort Wien, accentus austria, Balthasar Neumann Ensemble, Franui, L’Orfeo Barockorchester und RSO Wien prägten ihre vielschichtigen konzertanten Aktivitäten ebenso wie die Zusammenarbeit mit namhaften Musikern, darunter Johannes Kalitzke, Thomas Hengelbrock, Peter Rundel, Manfred Honeck, Friedrich Cerha oder Wolfgang Mitterer. Neben ihrer Konzerttätigkeit als Solistin und in Ensembles (Company of Music, Balthasar Neumann Chor) liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Oper. Zuletzt war sie in „Anæsthesia“ gemeinsam mit Franui und Nico and the Navigators bei den Händelfestspielen Halle, bei den Bregenzer Festspielen, im Berliner Radialsystem, im Grand Theatre Luxembourg und Enschede, in der Oper „Die Gänsemagd“ (Iris ter Shiphorst), in „PlayZero“ (Wolfgang Mitterer), in „Das kleine Gespenst“ von Walter Soyka, in Wolfgang Mitterers Comic-Oper „Baron Münchhausen“, in drei Kurzopern der Produktion „Gates/Gäste! “ („Karusell“ – Mirela Ivicevic, „Axi“ – Jaime Wolfson, „Inventur“ – Fernando Riederer) im Rahmen der World Music Days, in Bernhard Ganders Sitcom Opera „Das Leben am Rande der Milchstrasse“, in Wolfgang Mitterers Kinderoper „Schneewittchen“ und in der „Fledermaus“ (Elbphilharmonie Hamburg) zu hören und zu sehen. (Image: ©Nafezrerhuf.com)

Partner:innen und Gäste

Abigail Aleksander / Tänzerin, Choreografin
Matthias Bölli / Instrumentenbauer
Angélica Castello / Komponistin, Blockflötistin, Improvisatorin, bildende Künstlerin
Stefanie Fieber-Grandits / Übersetzerin (Gebärdensprache)
Ruben Grandits / Künstler, Performer (Gebärdensprache)
Bernhard Leitner / Architekt, bildender Künstler
Raph Pauwels / Experte für Lärm- und Vibrationsprozesse (Maschinendynamik & Akustik)
Alfred Reiter / Tontechniker, Klangregisseur
Günter Roiss / Übersetzer (Gebärdensprache), Poetry Sign
Anat Stainberg / Malerin, Performance-Künstlerin, Kuratorin Stimmkünstlerin, Lektorin/Coach
Rafal Zalech / Bratschist, Komponist, Instrumentenbauer (Entwickler von Hybrid-Technologien)

Zum Inhalt

Grundlegender Ansatz: Soziale Transformation


Der Titel „Transforming Instrumental Gestures“ verweist auf die Grundannahme, dass Form und Beschaffenheit von Instrumenten u. a. dadurch eine aktive Rolle bei der Hervorbringung musikalischen Materials spielen, weil sie den Habitus der physischen Interaktion vorgeben. Interpret:in und Instrument bilden somit eine Einheit und sind in der Aufführungssituation an der Entstehung klanglicher Prozesse gleichermaßen wirksam beteiligt. Ausgangs- und Bezugspunkt dieses Forschungsprojekts sind grundlegende Betrachtungen der Akteur-Netzwerktheorie (in Folge ANT), deren maßgebliche theoretische Kernaussagen ab den 1980er Jahren von Bruno Latour, Michel Callon und John Law ausgearbeitet wurden. Um den Begriff des „Sozialen“ als dynamischen zu definieren, formuliert die ANT als zentrale Aussage, dass innerhalb einer Gesellschaft nicht nur Subjekte oder Menschen als Akteur:innen agieren, sondern von einer Symmetrie menschlicher und nicht-menschlicher Akteur:innen auszugehen ist. Im Rahmen dieser Theorie wird jede Assemblage (bestehend aus einer wechselseitigen Verknüpfung von Menschen mit materiellen Objekten, technischen Artefakten oder auch Konzepten etc.), die in der Lage ist, eine Veränderung herbeizuführen, als Akteur:in bezeichnet. Des weiteren entstehen Netzwerke, wenn sich Akteur:innen mit anderen Akteur:innen verbinden und dabei entscheidenden Transformationsprozessen unterliegen.

Die soziale Dimension dieser Forschungsarbeit umfasst damit nicht nur die Formen der Kooperation innerhalb der Musiker:innengruppe, sondern die mögliche Veränderung der Beziehung zwischen den einzelnen Komponenten des entstehenden Netzwerks: Interpret:innen, Komponist:innen, Instrumente, zudem natürlich die kleinste Einheit Musiker:in / Instrument.

Historiographie von Musikinstrumenten als Untersuchung von musikalischem Potential

Wir können das traditionelle Instrumentarium, das auch heute noch 95% aller Besetzungslisten im Orchesterbetrieb ausmacht, Bruno Latour zufolge als „society made durables“ (frei übersetzt mit „gesellschaftskonservierend“) betrachten. Sie stabilisieren die ästhetischen und sozialen Zusammenhänge zwischen Musiker:innen und halten traditionelle Strukturen und Machtverhältnisse weitgehend aufrecht. Die solistische Funktion der Geigenmelodie in einem Orchester in Verbindung mit den musikalisch reduzierten Gesten der begleitenden tiefen Instrumente schafft ein hierarchisches Gefälle – klanglicher, sozialer und monetärer Art –, das auch in Kompositionen der Gegenwart immer noch und immer wieder widergespiegelt wird. Eine auf gesellschaftliche Transformation gerichtete Neumodellierung erfordert deshalb eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem historischen Bestand, mit Technologien und Artefakten, die in vergangenen Zeiten richtungsweisend für dieses Zukünftige waren. Das Projekt Transforming Instrumental Gestures analysiert solche Umbruchssituationen und konzipiert darauf aufbauend neue Klangkörper. Das ist Ziel ist dabei stets, Instrumente zu entwickeln, die in der Lage sind, soziale Veränderungen herbeizuführen und transformierte musikalische Welten erkennbar machen können.

Neue Klangkörper für eine veränderte Gesellschaft


Helmut Lachenmann hat bezüglich seiner „musique concrète instrumentale“ immer wieder davon gesprochen, dass Komponieren bedeute, ein Instrument zu bauen. In diesem Projekt wird diese Aussage wörtlich genommen. Nur wenn Klang, Geste, Instrument und deren Verbindungen einer ständigen Revision und Weiterentwicklung unterzogen werden, können wir uns jenseits des Bekannten und Vorhersehbaren bewegen. Wie müssten Klangkörper also heute beschaffen sein, um ihren Klang aus dem kollektiven Wirken zu beziehen? Welche Kontaktflächen befördern eine zeitgemäße musikalische Geste?

Der zeitgemäße Gestus

Der Einsatz digitaler Medien ist heute in der Neuen Musik nicht mehr die Ausnahme, sondern längst die Regel und hat unsere Wahrnehmung von Körpergestus und Klang bereits grundlegend verändert, etwa im selbstverständlichen Einsatz von Techniken wie Live-Elektronik, Virtual Reality oder Artificial Intelligence (AI). Im Unterschied zu Arbeiten, die sich den Themen Gestus (digital oder analog) und Instrumentenbau widmen, unterscheidet sich das vorgelegte Forschungsprojekt durch einige wesentliche Aspekte: Im Sinne des post-digitalen Turns (wie ihn David Berry umrissen hat) und der damit veränderten Wahrnehmung von Klang, Raum, Instrument und kollektivem Körper, verfolgt es in der Entwicklung alternativer Klangkörper einen analogen und rein linearen – somit eben keinen digitalen – Ansatz, im Sinne einer direkten Beziehung zwischen Körper und Instrument. Der (individuelle und kollektive) Habitus wird transformiert und Instrumente dahingehend neu konzipiert. Die Kontaktflächen und/oder Innenräume der neu entstandenen Resonanzkörper werden mikrofoniert, um die direkte und lineare Verbindung von Bewegung und Klang zu verstärken und den klanglichen Fokus auf das kollektive körperliche Wirken zu richten. Klang wird aus einer Bewegung generiert, und die Bewegung ihrerseits durch die Interaktion der Akteur:innen. Es ist entscheidend, dass in reziproker Weise ein weitgehend unerforschtes Klangmaterial offengelegt werden kann, das seinerseits wiederum gestaltend auf den Bewegungsgestus einwirkt.

Experimentalsituationen

In enger Wechselwirkung zu instrumentenbaulichen und kompositorischen Arbeiten der Projektleiterin wurde eine Workshopreihe an der MUK etabliert, die als regelmäßig geführte interdisziplinäre Forschungsgruppe einen explorativen und partizipativen Charakter hat und die Entwicklung künstlerischer Projekte (öffentliche Hörräume und Präsentationen) mitgestaltet und spiegelt. Die Konzeption von diesen in diskursivere Formen eingebetteten Workshops orientiert sich an folgenden Grundsätzen des künstlerisch-wissenschaftlichen Forschens:
Forschung wird verstanden als

  1. ein performatives, d. h. materielles, situationsgebundenes, Wirkungen entfaltendes Geschehen zwischen verschiedenen Akteur:innen, das in seiner Prozesshaftigkeit beobachtet, verfolgt und dokumentiert wird;
  2. ein praktisches Vermögen entlang von Konzeptions-, Gestaltungs-, Aufführungs- oder Darstellungsmöglichkeiten, das als offen und kontingent zu denken ist;
  3. ein spezifisches Erkenntnispotential der Künste, durch das nicht-propositionales, nicht vorwegzunehmendes Wissen generiert wird;
  4. ein Resultat von kulturellen Aushandlungsprozessen, an denen Medien, Institutionen, Theorien, Artefakte und Ökonomien gleichermaßen beteiligt sind;
  5. ästhetische Verfahren der Umwidmung, die vorhandene Medien, Techniken und Prozesse für neue Anwendungen erschließen.

Diese Arbeitsgruppen gestalten sich als Experimentalsituationen/Experimentalsysteme im Sinne des von Hans-Jörg Rheinberger für die historische Epistemologie der Naturwissenschaften geprägten Begriffs und verfolgen einen Modus des Improvisierens, Entwerfens, Skizzierens, Modellierens und Diskutierens. Innerhalb der Forschungsgruppe treffen Studierende aus mehreren künstlerischen Sparten auf nationale und internationale Mitarbeiter:innen, Gäste, Zuhörer:innen und Beobachter:innen. Auf Basis einer Vielzahl von Herangehensweisen im klar abgesteckten Rahmen der Laborsituation kann so ein tiefer und mannigfaltiger Handlungsraum etabliert werden. Das Schöpfen aus dem Kollektiv-Bewusstsein stellt die Basis kreativen und künstlerischen Handelns dar.

Studierende

Marlen Duken
Dipl. Bühnen- und Filmgestaltung (die Angewandte)
Jahrgang 2020

Alba Maria Glatz
BA Zeitgenössischer und Klassischer Tanz (MUK)
Jahrgang 2019

Susanne Huber
BA Zeitgenössischer und Klassischer Tanz (MUK)
Jahrgang 2019

Schayan Kazemi
BA TransArts (die Angewandte)
Jahrgang 2019

Veronica Klavzar
BA Harfe Instrumental- und Gesangspädagogik (MUK)
Jahrgang 2019

Ester Lottes
BA Zeitgenössischer und Klassischer Tanz (MUK)
Jahrgang 2019

Sophie Regner
BA Blockflöte – Alte Musik (MUK)
Jahrgang 2019

Kan Zhang
MA Blockflöte – Alte Musik (MUK)
Jahrgang 2022

Yueqi Zhan
MA Akkordeon (MUK)
Jahrgang 2022

Timeline

Experimentalsituationen / Instrumentenbau / Labor Übersetzung & Gebärdensprache / Hörräume

Experimentalsituation 1: Left-Overs und neue Apparate
Januar 2022 (3-tägig)
Eva Reiter, Michiel Vandevelde, Laura Strobl und Forschungsgruppe

(1) Vortrag zur Adäquatheit traditioneller Klangkörper und Besetzungen, hybride Instrumente, alternative Resonanzkörper mit neuen Kontaktflächen, Abfall (und andere Hinterlassenschaften) als verdrängte Materie wird zur Grundlage neuen und nützlichen Klangmaterials.
(2) Die gemeinsame Arbeit begann mit der experimentellen Entwicklung und Untersuchung von Bautechniken für „Klanggeräte“.
(3) Feedback, Gespräch, Diskurs über Erfahrungen
Auf Basis der Entwicklung „neuer Netzwerke“ sollten erste Entwürfe zu interaktiven und installativen Instrumenten geschaffen werden.
(4) Vorschläge, Überarbeitung und Think Tank zur Gestaltung der Fortsetzung
(5) Videointerviews mit Studierenden

Experimentalsituation 2: Kollektives Wirken, Etablieren neuer Klangräume
März 2022 (3-tägig)
Eva Reiter, Michiel Vandevelde, Laura Strobl und Forschungsgruppe

(1) Grundlegende Betrachtungen der ANT dienten als Ausgangspunkt kollektiver Klangexperimente.
(2) Über die Bedeutung von „Technology is society made durable“ und einem
(3) Vortrag zu „Materiality and Agency in Improvisation“ näherten wir und den Fragen zur Beziehung zwischen Klangkörper und Musiker:innenkörper sowie nach der Formierung der menschlichen und künstlichen Körper im Raum.
(4) Welche Kontaktflächen befördern eine zeitgemäße musikalische Geste und das Entstehen neuer Netzwerke?(5) Entwerfen, Kreieren und Erproben interaktiver und installativer Instrumente.
(6) Performance
(7) Diskussion: Entwickeln einer produktiven Feedback-Kultur. Outside Eye mit Haltung:
Was sehe ich, was sehe ich nicht? Was löst es in mir aus?

Experimentalsituation 3: Klang als kinetische Energie – von enacted sounds zum transformierten Habitus
Juni 2022 (3-tägig)
Eva Reiter, Michiel Vandevelde, Laura Strobl, Alfred Reiter, Matthias Bölli und Forschungsgruppe

(1) Vortrag zum Begriff des Gestus’ als Grundelement musikalischer Performance.
Dokumentation zur Verschiebung des Interesses von einer eher philosophisch assoziativen Natur des Begriffes, über das innewohnende choreographische Potential des Gestus innerhalb der Musikwerdung hin zu einem Fokus auf systematische Bewegungsanalysen in Verbindung mit sogenannten „motion capture technologies“
(2) Erläuterungen zu Marcel Mauss’ Vortrag Die Technik des Körpers (Mauss 1935). Die Techniken des Körpers sind tradierte Handlungsroutinen, die in der (gesellschaftlichen, kulturellen, künstlerischen) Interaktion grundlegend wirksam sind. Sie müssen von jedem/r Einzelnen neu erlernt werden und unterscheiden sich dadurch von den kumulativen Techniken, die sich im Umgang mit maschinellen Umgebungen entwickeln und schneller wandeln. Es ist dahingehend interessant zu bemerken, dass Musikinstrumente sich wenig wandeln und Mauss zufolge demnach eigentlich „untechnisch“ bzw. sehr nahe an den Techniken des Körpers sind. Hier schließt sich der Kreis zur ANT.
(3) Bewegungsanalysen im Umgang mit Instrument:
Welche Körperteile (Kopf, Fuß, Arme, Beine, Oberkörper) sind betroffen und welche Funktion hat die jeweilige Bewegung? Welches Bewegungsrepertoire hat sich bei Bläsern, Streichern, Zupfinstrumenten, Perkussionisten und Tasteninstrumentalisten als grundlegend etabliert? Welche Bewegungen sind klangbezogen, welche sind körperbezogen?
(4) Gastvortrag Alfred Reiter – Tontechnik und Klangregie / Ideen zur Mikrofonierung neuer Instrumente
(5) Gastvortrag Matthias Bölli – historischer Instrumentenbau / Klang, Übertragung, Resonanz

Experimentalsituation 4: kinetic text
Oktober 2022 (3-tägig)
Eva Reiter, Abigail Aleksander und Forschungsgruppe

Begriffsfeld kinetic text: Ursula K. Le Guin, The Author of the Acacia Seeds and Other Extracts from the Journal of the Association of Therolinguistics 1974
Beziehung zwischen Klangkörper, Musiker:innenkörper und Raum.
Welche Art von Text soll durch mein Instrument verkörpert werden?
Bewegungsstudien
Workshop zu Kontaktimprovisation mit Abigail Aleksander
Instrumentenbau

Experimentalsituation: Hörraum 1
Dezember 2022 (4-tägig)
Eva Reiter, Abigail Aleksander, Anat Stainberg und Forschungsgruppe

Workshop zur Vorbereitung mit Anat Stainberg
Anat Stainberg ist eine multidisziplinäre Künstlerin; Malerin, Performance-Künstlerin und Kuratorin. Sie arbeitet als Performerin (u. a. mit Toxic Dreams), Stimmkünstlerin und Lektorin/Coach. Wir waren sehr froh, sie für diesen Workshop zur Wahrnehmung von Klang, Raum, Körper und Instrument gewinnen zu können.

Showcase Hörraum
Der Hörraum gestaltete sich als interaktiver Improvisations-Workshop, der offen ist für alle Teilnehmer:innen ab einem Alter von 10 Jahren. Musikalische Ausbildung wurde nicht vorausgesetzt, somit stand die Veranstaltung für Personen mit verschiedensten beruflichen und kulturellen Hintergründen offen. Alle Teilnehmer:innen wurden in Kleingruppen (3-5 Personen) durch fünf unterschiedliche Stationen dieses Hör-Parkours geführt. In jedem Raum erwartete sie ein:e Spielleiter:in, die/der durch einfache Aufgaben (eine Kombination aus musikalischen/sozialen Anweisungen und Aufgaben aus der Spieltheorie) an den Prozess kollektiven improvisatorischen Musizierens auf den neu entwickelten und so unkonventionellen Instrumenten heranführte. Der Fokus lag nicht nur auf der Wahl des Klangmaterials zum „richtigen Moment“, sondern vor allem auf dem Zustand des „Deep Listenings“ (nach Pauline Oliveros) und den daraus erwachsenden interaktiven Kommunikationsbeziehungen. Der Spielprozess wurde stets durch folgende Fragen in Gang gesetzt: Wie verändern sich der Gestus der Musik sowie die Körperlogik des Musizierens, wie verändern sich soziale und kommunikative Gefüge, wenn ein neu konzipiertes Instrument neue Räume des Miteinanders und neue Möglichkeiten exemplifiziert?

Ausgestellte Instrumente waren:

  • Tube Monochord: ein riesiges Rohr-Monochord, auf dem kollektives Musizieren erst ab mindestens drei Menschen zu einem klanglich ergiebigen Resultat führt
  • floor-piano: ein Inside-Piano auf Rädern
  • 300 chromatisch gestimmte und resonierende Rohre
  • reactive-floor: ein reaktiver Klangboden, der auch als Wand- und Tischfläche genutzt wird
  • hängende Metallplatten

Labor Übersetzung 1: Arbeit mit Gebärdensprache
Dezember 2022 – März 2023
Ruben Grandits, Stefanie Fieber-Grandits, Eva Reiter, Günter Roiss

Im Zentrum stand das Interesse an der Transformation/Übersetzung von Zeichensprache in Klang, Melodie und Bewegung. So startete ich die enge Zusammenarbeit mit Ruben Grandits, einem gehörlosen jungen Mann, dessen Bühnenpräsenz mich in Lies Pauwels „Stadt der Affen“ begeisterte und auf diese Spur brachte.
Unser Team bestand aus Günter Roiss (ebenfalls gehörlos), der sich als ein Experte im Bereich der „poetry sign“ und Internationaler Gebärdensprache mit einbrachte und Stefanie Fieber-Grandits, die als Dolmetscherin fungierte. In enger Zusammenarbeit beschäftigten wir vier uns mit Fragen nach Zugänglichkeit als zentrales Schlagwort und grundlegende Forderung. Zugänglichkeit erfordert einen Prozess des Übersetzens zwischen Sinnesqualitäten, kulturellen Strukturen und Selbstverständnissen und ist alles andere als reibungslos.
Innerhalb meiner Forschung erwies sich diese Art der Friktion aber als transformierende Kraft, die auch im Kontext des Instrumentenbaus formgebend zu werden begann.
Durch die Übersetzung und Neukontextualisierung von Symbolen, Zeichen, Gesten, Klängen und Instrumenten werden neue Sprachen geschaffen, die letztlich unser Verständnis einer bestimmten Welt verändern. Es ist dieser Prozess der Übersetzung, der zur Entstehung neuer Welten und neuer Perspektiven führen kann und aufgrund dieser Wirksamkeit für den weiteren Verlauf des Projektes so richtungsweisend und wertvoll wurde.
Im Zeitraum von Dezember 2022 bis März 2023 fanden erste Übersetzungen von Lyrik, Experimente mit Mikrofonierung der Hände und klangtransformierenden Prozessen statt.

Labor Übersetzung 2: Sound and Movement Interaction /erste Experimente mit Gebärdensprache
März 2023 am IRCAM Paris
Eva Reiter / Augustin Muller

Das IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) in Paris stieg mit seiner Expertise im Bereich der Entwicklung von Softwaremodulen zur Interaktion von Geste/Bewegung und Klang in meine Forschungsarbeit mit ein. Untersucht wurde das Potential der Verbindung von Gebärdensprache und Klang mit Modulen der Gestenerkennung und -verfolgung in Echtzeit. Der „Gesture Follower“ dient zur Auswahl und Synchronisierung von vor-aufgezeichneten Videos, die den Gesten des Gebärdenden folgen. Er verwendet Daten von Bewegungssensoren, die an den Handgelenken des Performers angebracht sind. Der Gesture Follower ermöglicht einen Echtzeit-Vergleich zwischen einer live ausgeführten Geste und einer Reihe von zuvor aufgezeichneten Beispielen.

Experimentalsituation 5: Das Echo der Übersetzung – Arbeit mit Bewegungsgesten / Gebärdensprache
April 2023 (2-tägig)
Eva Reiter und Forschungsgruppe

Vortrag und Thinking Together zum Thema Übersetzung als kontinuierlicher Prozess, der Reibung produziert.
Bericht über die Arbeit mit Gebärdensprache (Ruben Grandits, Stefanie Fieber-Grandits und Günter Roiss)
Zeichen aus der Gebärdensprache als Basisquelle für die Welt der Klänge und Bewegungen.
Der Begriff des Echos ist hierbei als wörtliches, musikalisches und metaphorisches Phänomen zu verstehen. Wenn sich eine Botschaft zwischen Zeichensprache, Klang, Melodie oder Bewegung hin und her bewegt, so erscheint sie als Echo – ein verzögerter Nachhall mit einem unvermeidlichen Grad an verzerrter Bedeutung.

Instrument und kollektive Körper im postdigitalen Turn
Experimente zur Übersetzung von Gebärde in Klang
Showcase Mini-Performances – Feedback

Experimentalsituation 6: Körper, Körperbilder, Interaktionen – Der Explorative Raum 1
Mai 2023 (2-tägig)
Eva Reiter, Theresa Dlouhy, Rafal Zalech und Forschungsgruppe

Im Fokus stand die Frage, inwieweit Körperbilder (und unsere Sichtweisen) durch die Verwendung digitaler Werkzeuge verändert werden.
Der Einsatz digitaler Medien ist heute in der Neuen Musik nicht mehr die Ausnahme, sondern längst die Regel und hat unsere Wahrnehmung von Körpergestus und Klang bereits grundlegend verändert, etwa im selbstverständlichen Einsatz von Techniken wie Live-Elektronik, Virtual Reality oder Artificial Intelligence (AI). Inwieweit verändert sich der Habitus der physischen Interaktion beim Musizieren durch die wechselseitige Verknüpfung des Menschen mit digitalen Interfaces?

Vortrag von Rafal Zalech über Digitaize und Nimikry Music.
Technologien zur professionellen Digitalisierung traditioneller Instrumente
Experimente mit Studierenden mit digitalisierter Geige
reactive floor als midi keyboard

 

Labor Übersetzung 3: Sound and Movement Interaction /weitere Experimente mit Gebärdensprache
Mai 2023 am IRCAM Paris
Ruben Grandits, Stefanie Fieber-Grandits, Eva Reiter, Günter Roiss, Augustin Muller

Ruben Grandits’ Gebärdensprache wurde mikrofoniert und die resultierenden Klänge aufgezeichnet. Hierbei erarbeiteten wir im Vorfeld Strategien, durch welche Ruben direkt auf den klanglichen Verlauf seiner Bewegungen gestalterische Einfluss nehmen kann. Seine Bewegungen wurden filmisch aufgezeichnet, um das Modul des „Gesture Followers“ auf das Gebärdenvokabular zu programmieren.

Experimentalsituation 7: Improvisation und Kooperation – Der explorative Raum 2
Juni 2023 (2-tägig)
Eva Reiter, Angélica Castello und Forschungsgruppe

Kollaboration als treibende Kraft kreativer Prozesse, „real-time composing“ und Interaktion, kognitive Prozesse bei Impulsverarbeitung und Reaktion, experimentelles Improvisieren mit und ohne Instrumente.
Bauen eines kollektiven Instruments als Vorbereitung des Improvisationsworkshops

Vortrag Angélica Castello
Workshop Improvisation mit Angélica Castello

Showcase
Feedback
Abschlussrunde

Abschlussveranstaltung: Hörraum 2
Dezember 2023
Vorbereitung / Showcase

Aufgrund des überaus positiven Feedbacks und der großen Resonanz der ersten Veranstaltung entschlossen wir uns, den Hörraum in erweiterter Form als Abschluss des Forschungsprojektes ein zweites Mal zu veranstalten.
(Die Festwochen Wien (unter der Leitung von Christophe Slagmuylder) hatten die Umsetzung des Hör-Parkours eigentlich bereits zugesagt (eine Veranstaltung für Juni 2023 war bereits in Planung), doch wurde die Veranstaltung vom neuen Intendanten Milo Rau leider nicht übernommen und im April 2023 abgesagt.)

Instrumente der zweiten Veranstaltung:

  • Tube Monochord: ein riesiges Rohr-Monochord, auf dem kollektives Musizieren erst ab mindestens drei Menschen zu einem klanglich ergiebigen Resultat führt
  • floor-piano: ein Inside-Piano auf Rädern
  • 300 chromatisch gestimmte und resonierende Rohre
  • reactive-floor: ein reaktiver Klangboden, der auch als Wand- und Tischfläche genutzt wird
  • hängende Metallplatten
  • gigantische Luftpumpe, auf die man steigen kann, um sie in Gang zu setzen
  • eine Oktopus-Tuba mit bis zu 14 Meter langen Schläuchen und Grammofontrichtern
  • Gammofon-Sirenen
  • selbstgebaute Trompeten
  • Zithar: eine keytar-ähnliche Zither-Gitarre
  • Klangkisten

Zwischen den einzelnen Veranstaltungen, Experimentalsituationen, Übersetzungslaboren, Gebärdensprachkursen, Besuchen des Pariser IRCAM und den Hörräumen entwickelte und baute ich meine Instrumente.

Dabei wurde ich durch Feedback und Anregungen meiner Begleiter Matthias Bölli, Bernhard Leitner, Nicolaus Gansterer, Raph Pauwels und Rafal Zalech unterstützt, wofür ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen möchte.

Von Januar bis Dezember 2022 trafen Michiel Vandevelde und ich zu regelmäßigen Forschungstreffen zusammen. Dabei wurden die Instrumente auf ihr klangliches und choreographisches Potenzial untersucht.

Das Forschungsprojekt Transforming Instrumental Gestures wurde bereits mehrfach im Rahmen unterschiedlicher Symposien in Form von Vorträgen, Workshops und/oder Hörräumen vorgestellt.

  • Vortrag und Workshop Transforming Gestures mit den Studierenden des Cursus 2023/24 am IRCAM in Paris am 1. Februar 2024
  • Dansworkshop The Rise am Concertgebouw Brugge am 28. Februar 2024
  • Einladung zum Symposium Friktionen. Zugänge aus der Perspektive der crip technoscience am
    IFK Wien am 7. März 2024

Die Grundlegenden Erkenntnisse aus dem künstlerischen Forschungsprojekt Transforming Instrumental Gestures. Neue Klangkörper für eine veränderte Gesellschaft sowie die dabei entwickelten Instrumente dienen als Ausgangspunkt der Entstehung von The Rise, einem abendfüllenden Musiktheater, welches am 20. September 2024 am Pariser Centre Pompidou zur Uraufführung gelangen wird.

©Viktor Brázdil
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